DRM als Leimrute für die Unterhaltungsindustrie

Erinnert sich noch jemand an DRM, auch bekannt als Digitale Rechteverwaltung? Wenn es dazu noch etwas zu sagen gibt, dann sagt es Google gleich in den Suchergebnissen:

In der Musikindustrie konnte sich DRM nicht durchsetzen.

Ausgerechnet diesen Satz zitiert Google aus der Wikipedia, und ein paar Fundstellen weiter südlich aus dem englischen Pendant:

In practice, all widely-used DRM systems are eventually defeated or circumvented.

Nuff said. Doch halt, warum gibt es dann immer noch DRM? Warum hat Amazon den Kindle mit digitaler Rechteverwaltung ausgestattet und warum ist das iPhone nicht offen wie Android? Weil Amazon und Apple die Medien- und Unterhaltungsindustrie brauchen, um ihre schönen Geräte mit dem Stoff auszustatten, den die Konsumenten haben wollen. (Beim iPhone ist es die Telekommunikationsbranche, aber das Schema ist das Gleiche.)
So war es mit iPod und iTunes, so ist es mit Kindle und iPhone. Doch irgendwann ist Schluss damit. Als iTunes als Absatzkanal für die Musikindustrie so wichtig geworden war, dass es ohne nicht mehr zu gehen schien, konnte Apple den Stecker ziehen und das DRM abschalten. Das iPhone wird offen sein, wenn und sobald der Erfolg von Android Apple dazu zwingen wird und sich die neuen Machtverhältnisse in der Telekommunikationsbranche gefestigt haben.
Gleiches gilt für den Kindle, wenn und sobald der Druck durch den Nook von Barnes & Noble groß genug. Und wer weiß, was aus dem lange erwarteten Apple Tablet wird? Die New York Times scheint bereits für diese Zukunft zu planen.
Das Muster ist immer das Gleiche: Die Medien- und Unterhaltungsindustrie besteht auf DRM und Bezahlschranken, die Geräteindustrie und der Handel (mit Amazon, Apple und Barnes & Noble in beiden Rollen) spielen das Spiel genau so lange mit, wie sie müssen. Bis ihnen die Text-, Bild- und Tonlieferanten auf den Leim gekrochen sind. Dann ist Schluss mit lustig, also mit DRM.
DRM funktioniert nur für eine Übergangszeit. Es ist ein Placebo mit schmerzlindernder Wirkung für Branchen, deren Geschäftsmodell durch die digitale Revolution bedroht ist. Es macht aber abhängig, und früher oder später stellt der Dealer den Nachschub ein.

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Google Wave und die Ökonomie der Aufmerksamkeit

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Gestern bekam ich eine Einladung zu Google Wave (danke, Malte!). Ich will nicht verschweigen, dass mir beim ersten Blick auf die Testimplementierung das revolutionäre Potential noch verschlossen blieb. Aber das ist ja immer so und kein Grund, wie der Spiegel in technik- und kulturfeindliche Reflexe zu verfallen.
Oder noch schlimmer, wie WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach sinnarmes Geschwurbel zu Protokoll zu geben, nur weil sich das Geschäftsmodell eines Zeitungsverlages nicht 1:1 ins Internet übertragen lässt. Diese Tatsache war spätestens seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre praktisch allgemein bekannt. Und ist gar nicht ungewöhnlich für ein neues Medium, werden doch auch in Radio und Fernsehen nicht etwa Zeitungsartikel vorgelesen, gegen Geld, dass der Zuschauer oder Hörer pro Beitrag zu entrichten hätte.
Das Schlimme Neuartige am Internet ist aber, dass es alte Medien stückchenweise inhaliert und transfomiert. Musik, Zeitungen, Bücher, Filme, TV-Serien und was sonst noch so in alten Medien transportiert werden kann finden sich allesamt im Netz wieder und absorbieren die knappe Aufmerksamkeit des Konsumenten. Dass die knapp ist und immer knapper wird, ist übrigens auch keine Neuigkeit.
Gewöhnlich lassen sich Geschäftsmodelle in einer Marktwirtschaft ganz gut auf Knappheiten aufbauen. Was knapp ist und nicht etwa im Überfluss vorhanden, dafür sind Kunden meist zu zahlen bereit. Nachrichten sind im Internet nicht gerade knapp, weshalb es schwierig ist, die Konsumenten zum Zahlen zu überreden, ohne zuvor ein Nachrichtenoligopol zu errichten. Was auch kaum möglich wäre.
Einladungen zu Google Wave hingegen sind knapp, weil der Dienst noch in einem sehr frühen Stadium ist. Selbst die noch überschaubare Nutzerzahl bringt die Server offensichtlich schon an ihre Leistungsgrenzen. An Aufmerksamkeit mangelt es Google Wave hingegen nicht, und das hat auch mit der Knappheit der Einladungen zu tun. Den Dienst umweht noch eine Aura des Geheimnisvollen.
Dem unbedarften Erstnutzer erschließt sich Google Wave zunächst ungefähr so schnell und leicht wie Twitter, nämlich praktisch gar nicht. Es braucht eine Initiation durch bereits Eingeweihte. Es scheint Potential für Kollaboration zu geben, aber so genau weiß man das noch nicht.
Muss Bodo Hombach zu den ersten 100.000 Nutzern gehören? Muss nicht, aber schaden könnte es auch nicht. Solange Verlagshäuser von Leuten geführt werden, die keinen Computer, aber dafür eine Vorzimmerdame haben, wäre es sogar ein Wettbewerbsvorteil.
PS: Ich bin m.recke@googlewave.com. Mal sehen, wann der erste Spam ankommt.
PS2: Nein, als Testnutzer der zweiten Welle habe ich (noch) keine Einladungen zu vergeben.

Neue Regeln für den Journalismus

Kaum jemand bestreitet noch, dass der Journalismus sich verändern muss, um zu überleben. Die Frage ist nur, wie. Dan Gillmor, seinerseits Journalist und Akademiker, beantwortet diese Frage mit 22 neuen Regeln für den Journalismus. Ole Reißmann hat Gillmors Antworten ins Deutsche übersetzt. Einige dieser Regeln klingen reichlich hart in meinen Ohren, die meisten aber hören sich gut an. Pars pro toto hier die erste Regel:

1. Wir verzichten bis auf wenige Ausnahmen auf Jahrestags- und Jubiläumsgeschichten. Sie sind Rückzugsort für faule, unkreative Journalisten.

Das Original und die Übersetzung.