Schreiben wir für Google?

Sam Zell, vor kurzem Eigentümer einer Reihe großer US-Tageszeitungen geworden, hat mit einer kleinen Bemerkung für große Erregung gesorgt:

„If all of the newspapers in America did not allow Google to steal their content, how profitable would Google be?“ Zell said during the question period after his speech. „Not very.“

Dagegen ist leicht eingewendet, dass Google News nur Überschriften und Textauszüge verwendet und ansonsten direkte Links zur Quelle setzt. Von Diebstahl keine Rede.

Aber: Wenn Google tatsächlich das Betriebssystem der Werbung baut (und das hat Eric Schmidt nun bestätigt), dann muss die Frage vielleicht etwas anders gestellt werden:

It could be that Zell is brilliant, and is saying something that simplifies the truth to make a bigger point, and he doesn’t mind if you think he’s inept if some people get the bigger picture — which is he thinks of the Internet and Google as being the same thing, and you know what — I bet a lot of other people do too, and they have a point. Like the public radio stations, maybe we’re fooling ourselves if we think we’re not writing for Google, as they are fooling themselves into thinking they’re not creating for NPR. We want to cling to our theory that each of us is independent of the others, but what if he’s right, and it’s us vs them.

„Für wen schreiben wir? Und warum?“, fragt Doc Searls:

All kinds of deals may be possible between news organizations and Google. Some conceivably could alter the simple matter of who we’re writing for. It might not just be ourselves.
If Web = Google comes to look like a fact for a critical mass of people and organizations, then we will all become part of the same commercial ecosystem: one controlled by a single company.

Para-Journalisten

Futter für die Next07, wo Norbert Bolz die Keynote über Medien 2.0 halten wird.

Peter Turi: Sind Blogger Para-Journalisten, wie der Medienwissenschaftler Norbert Bolz meint? Also Möchtegern-Journalisten, die’s noch nicht in die echten Medien geschafft haben?
Thomas Knüwer: Ach, der Herr Bolz. Die Mehrheit der Blogger will ja bewusst nicht als Journalist bezeichnet werden. Was auch eine Menge über das Ansehen unseres Berufsstandes sagt. Unter den Bloggern gibt es eine Reihe, die es in die „echten Medien“ (ist das Internet unecht?) geschafft haben. Viele, die es gar nicht schaffen wollen. Solche Kategorisierungen stammen von Menschen, die sich die Vorstellung abgewöhnt haben, dass es in einem demokratischen Land einen Diskurs geben könnte. Einst hätte Bolz wahrscheinlich behauptet, die Teilnehmer der Diskussionssalons des 19. Jahrhunderts seien alle Para-Christiansens.
Das ganze Interview mit Thomas Knüwer in der Netzwirtschaft

Alle Macht dem Konsumenten

Von Inhalten, Technik und Zielgruppen sollte die Rede sein auf der Computer Bild CeBIT CEO Conference am Freitag. In dieser Reihenfolge: Zuerst sind da die Inhalte, dann kommt die Technik, um schließlich die Zielgruppen zu bedienen. Soweit die klassische Pipeline-Denke – die heute und vor allem in der „digitalen Welt 2010“ so nicht mehr funktioniert.

Folgerichtig ist die erste Keynote, vorgetragen vom Hausherrn und Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner, gleich eine Enttäuschung. Im Auditorium macht sich sofort Mittagsmüdigkeit breit. Direkt zu Beginn fällt dem bestfrisierten CEO eine Strähne in die Stirne.

Über ein paar nette Anekdoten und die bekannten Allgemeinplätze über die Zukunft des Printgeschäfts kommt er nicht hinaus. Das allerdings ist auch dem Thema geschuldet. Über nutzergenerierten Medieninhalt wüsste ich auch nichts Neues mehr zu sagen.

Interessante Inhalte werden immer interessieren, macht Döpfner sich Mut. Ein vollkommen leerer Satz. Das Interessante interessiert. Aha. Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Wenn klassische Medienhäuser nur noch in leeren Begriffen über ihr Produkt (auch Produkt ist ein solcher) sprechen können, dann würde ich meine Aktien, hätte ich welche, umgehend verkaufen.

Im anschließenden Podium wird es auch nicht besser. Die Inhalte bleiben die gleichen, die Formen ändern sich, sagt Hans-Holger Albrecht (Modern Times Group). Seit wann gibt es Inhalt ohne Form? Welche Inhalte den Menschen in Zukunft interessieren werden – darüber verliert keiner der Teilnehmer auch nur ein konkretes Wort. War ja auch nur die Leitfrage für dieses Podium.

Stattdessen ist von Technik die Rede und von Formaten. Jeder der diskutierenden Medienmacher macht eine Inventur, schaut nach, was er auf Lager hat und ist prompt der Meinung: Passt! Irgendein dusseliger Konsument wird den Kram auch künftig konsumieren und dafür notfalls noch teures Geld bezahlen.

Als die Diskussion kurz das Thema Copyright streift und etwas spannender zu werden droht, wechselt der nicht besonders gut orientierte Moderator flugs das Thema. Das Vorbild von Computerbild-Chefredakteur Hans-Martin Burr ist ganz offensichtlich Giovanni de Lorenzo. Ich hätte das Original vorgezogen.

Die deutschen Statthalter internationaler Konzerne sind selten eine Bereicherung für ein Podium. War Terry von Bibra (Yahoo) im ersten Panel noch der einzige dieser Gattung, so besteht die zweite, der Technik gewidmete Runde fast nur aus diesem Typ Manager. Sie haben einfach nichts zu sagen, was über ihren Bereich hinausgehen würde. Und da ihr Bereich Vertrieb ist, hören wir vor allem Vertriebsargumente. Für Hardware. Wie spannend. Aber wir sind ja auf der CeBIT, da gehört das wohl dazu.

Wohlfeil sind die Appelle an Mobilfunkbetreiber, endlich von ihren Apothekenpreisen für mobile Datenübertragung herunterzukommen. Das lässt sich als Hardwarehersteller oder Medienhaus leicht fordern. Die Netze betreiben und refinanzieren schließlich andere. Mobil ist das technisch Machbare nicht auch das wirtschaftlich Tragfähige. Irgendwer muss schließlich auch hier am Ende die Rechnung bezahlen.

Thomas Middelhoff

Spannend wird es erst kurz vor Schluss, als Thomas Middelhoff (KarstadtQuelle) endlich Klartext spricht. Der Musikindustrie wirft er völliges Versagen vor. Auch nach zehn Jahren habe sie kein überzeugendes Geschäftsmodell für das Internet. Stattdessen verklage sie lieber ihre eigenen Kunden. Eine ähnliche Entwicklung sieht Middelhoff auch auf TV- und Filmindustrie zukommen.

Düster seine Prophezeihung für große Teile der Wirtschaft:

Innerhalb der nächsten 10 Jahre werden viele große und bekannte Unternehmen den Markt verlassen. Deswegen weil sie nicht in der Lage waren, ihre etablierten Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln und weil ihre Kunden glauben, dass diese Anbieter einfach überflüssig geworden sind.

Nach diesem Donnerschlag hat es das letzte Podium schwer. Holger Jung ist sich nicht zu schade, drei Werbefilme aus der Werbeschmiede Jung von Matt zu zeigen, die sich durch nichts anderes qualifizieren als die Tatsache, dass sie auf den einschlägigen Videoportalen im Internet zu sehen waren. Und dort auch tatsächlich angesehen wurden.

Ist für Jung von Matt das Internet tatsächlich nicht mehr als eine weitere Verbreitungsplattform für 30-Sekünder? Das meint wahrscheinlich nicht einmal Holger Jung, der sich in der abschließenden Pressemitteilung übrigens mit diesem kryptischen Satz zitieren lässt:

Viel bringt viel und weniger ist mehr.

Für den Reality Check ist am Ende Matthias Schrader zuständig, der auf die Schlussfrage des Moderators mit einem knappen Satz antwortet:

Wieviel Macht darf der Kunde bekommen?

Der Konsument darf alle Macht haben, denn er bezahlt die ganze Veranstaltung.

Die Werbung der Zukunft

Holger Jung, Matthias Schrader, Klaus-Peter Schulz, Horizont und Maurice Lévy

„Kunde versus Community – Wie entscheiden Konsumenten in 2010 – Werbebotschaft oder Meinungsaustausch?“ Diese Frage debattieren u.a. Matthias Schrader, Holger Jung (Jung von Matt) und Klaus-Peter Schulz (BBDO) am Freitag auf der Computer Bild CeBIT CEO Conference.

Zwei klassische Werber werden dann vermutlich ihre Disziplin gegen die kecke Behauptung verteidigen, die Klassik habe ihre Zukunft womöglich bereits hinter sich. Das Match beginnt mit der Einstiegsfrage des Moderators:

Herr Schrader, Sie haben die heftige Debatte in der Fachpresse (u. a. Horizont) über die Rolle der klassischen Werbung in der Zukunft mitbekommen. Findet die Werbung der Zukunft wirklich vorwiegend in den neuen Medien statt? Kann die klassische Werbung wirklich nicht mehr mithalten und wird zum Nischenthema?

Es folgt der Aufschlag von Matthias Schrader:

Die Werbung der Zukunft sind Beziehungen – zwischen Marken und Kunden wie auch zwischen Kunden und Kunden. Deshalb wird die klassische Werbung ihre Führungsrolle an die interaktive Kommunikation verlieren. Es wird sie weiterhin geben, sie wird aber an Bedeutung einbüßen und eher eine unterstützende Rolle haben, so wie heute Plakat und Radio. Die Lead-Agenturen der Zukunft werden Interactive-Agenturen sein, die den Dialog der Kunden und Marken prägen.

Damit ist die Debatte eröffnet. Der gesamte Kongress wird am Freitag live auf der Website von N24 gezeigt.

Google spricht

Keiner ändert die Medienlandschaft so grundlegend wie Google. Wen wundert’s da, dass Google-Nordeuropachef Philipp Schindler als der derzeit wichtigste Manager der Kommmunikationsbranche in Deutschland gilt. Nach Ansicht der w&v-Redaktion gehört er damit zu den Persönlichkeiten, „die im Jahr 2006 auffallend mutig und innovativ handelten und – oft auch gegen Widerstände – Entscheidungen trafen, die ihren Unternehmen künftig neue Erlösquellen erschließen“.
Schindler kam auf Platz eins,

weil er mit Google derzeit daran arbeitet, die Medien- und Agenturlandschaft in Deutschland gründlich umzukrempeln. So hat er beispielsweise den in der Branche üblichen Rabattpoker um Werbepreise abgeschafft und den vermittelnden Agenturen die gewohnten Provisionen gestrichen.

Philipp Schindler, Jahrgang 1970, leitete vor seinem Google-Engagement den Bereich Marketing und Sales von AOL Deutschland (seit 1999). „Google wird in Deutschland noch viel Spaß haben“, sagte Schindler im letzten Jahr zur FAZ.
Alle, die gern aus erster Hand erfahren möchten, wie das geht, mögen am 3. Mai 2007 zur next07 „Inspiration und Interaktion“ kommen. Philipp Schindler hält dort die Keynote zum Thema „Vom E-Business zum Me-Business: Märkte sind Gespräche“.